September 2010
Gewalt in der Notfallmedizin als Aufmacher in der lokalen Presse: VIRSEM-Team auf der 5. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme (DGINA) e.V. in Aachen
Das komplette Kernteam des Projektes VIRSEM war Ende September nach Aachen gereist, um dort auf einem der wichtigsten Foren für Notfallmedizin in Deutschland, Präsenz zu zeigen. Und die Bedeutung der Arbeit der Projektgruppe wird am Kongressverlauf deutlich: Während der Praxisseminare am Rahmen des Kongresses war der Deeskalationskurs erneut ausgebucht und Dr. Martin von der Heyden und Christopher Nadolny konnten Pflegefachkräfte und Ärzte aus Notfallaufnahmen aus ganz Deutschland gemeinsam mit Thomas Nickl-Jockschat aus der psychiatrischen Universitätsklinik Aachen schulen. Das besondere: mehr und mehr kommen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Empfehlung ihrer Kollegen oder Vorgesetzten, die in den letzten Jahren ein Seminar besuchten.
Im wissenschaftlichen Teil präsentierte Dr. Isabelle Behrendt stellvertretend für das Team ein Poster mit den aktuellen Ergebnissen und erläuterte dem Fachpublikum die Bedeutung, den Aufbau und die Entwicklung der web-basierten Erfassung von Gewalt in der Notfallmedizin.
Christopher Nadolny hielt abschließend noch einen Vortrag zur „Behandlung wider Willen“ vor ca. 150 Zuhörern im vollbesetzten Hörsaal – die anschließende langanhaltende Diskussion unterstrich, dass er abermals ein wesentliches Thema im Verhältnis Arzt-Patient hervorragend aufarbeiten konnte.
Aachener Zeitung, Stadt, Region Rhein-Maas, 24. September 2010, von Sarah Sillius
Notwehr in der Notaufnahme
Ein Kongress in Aachen: Wie Notfallmediziner sich auf Extremfälle vorbereiten
AACHEN. Als Peter-Friedrich Petersen, Leiter der Notaufnahme am Aachener Klinikum, und seine Mitarbeiter in den Vorbereitungen für die 5. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme (DGINA) stecken, ahnen sie noch nicht, wie aktuell eines ihrer Themen bald werden wird. Vergangenen Dienstag lief ein geistig verwirrter Mann mit blutverschmierten Messern durch die Aachener Pontstraße, eine Polizistin schoss ihm ins Bein, um Schlimmeres zu verhindern. Danach wurden der verletzte Täter und die geschockte Polizistin zu Petersen ins Klinikum gebracht.
Und ein Thema des Kongresses lautet: "Die Deeskalation in der Notfallaufnahme".
Solche Situationen können große Gefahren mit sich bringen und stellen Notfallmediziner jedes Mal wieder vor neue Herausforderungen. Von Mittwoch bis einschließlich heute war und ist das Uniklinikum Treffpunkt für rund 460 Ärzte und Pfleger aus ganz Deutschland.
Anästhesist Martin von der Heyden und Thomas Nickl-Jockschat, Psychiater und Psychotherapeut aus Aachen, sind zwei von ihnen. Zusammen mit dem Juristen Christopher Nadolny aus Rostock vermitteln sie Pflegern und Ärzten im Deeskalationstraining Techniken der Eigensicherung und juristische Grundlagen, die im Extremfall helfen.
"In der Notfallaufnahme hat man häufig mit Ausnahmesituationen zu tun", sagt Nickl-Jockschat. Die Situation könne sich schnell hochschaukeln, wenn der Patient starke Schmerzen hat, die Angehörigen große Angst haben oder der Patient unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht. Hinzu komme der angestiegene Adrenalinspiegel des Notfallmediziners. Wenn es emotional wird, kann es zu irrationalen Handlungen kommen. Dazu können im schlimmsten Fall Übergriffe des Patienten auf den Notfallmediziner gehören. "In den letzten Jahren passiert das immer häufiger", sagt von der Heyden.
Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch kommunikative Deeskalationstechniken. Die empfindet Sylvia Berger, Krankenschwester aus Bielefeld, als besonders wichtig: "Man wird häufig verbal bedroht, da sind Strategien wichtig, um zu wissen: Wie entschärfe ich eine Situation?"
Niemals den Rücken zudrehen
Nadolny demonstriert, wie der Arzt dem Patienten gegenüberstehen sollte: "Die Hände niemals hinter dem Rücken verstecken, niemals dem Patienten den Rücken zudrehen." Was, wenn sich der Patient nicht durch verbale Mittel beruhigen lässt, gar gewalttätig wird? Nadolny klärt über die rechtlichen Hintergründe auf. "Im Rahmen der Notwehr gibt es keine Verhältnismäßigkeit." Der Notfallmediziner ist rechtlich geschützt, wenn er den Patienten zum Beispiel aufgrund einer akuten Eigen- oder Fremdgefährdung am Bett mit Gurten fixiert.
Für alle Entscheidungen, wie auch für die Fixierung des Patienten, gilt laut Nickl-Jockschat: "Es muss eine gemeinsame Philosophie geben. Das Risiko sollte möglichst auf alle Berufsgruppen verteilt werden, damit es keine Spaltungen im Team gibt."
Nachgefragt : 20 Prozent mehr Patienten
Warum ist die fächerübergreifende Zusammenarbeit in der Notaufnahme so wichtig?
Petersen: Unsere Arbeit hat sich in den letzten Jahren immer mehr verändert. Wir sehen heute 20 Prozent mehr Patienten als noch vor vier Jahren, mehr Ältere und mehr Menschen, die unter sehr komplexen Erkrankungen leiden.
Wie schafft man es, in kurzer Zeit richtig zu entscheiden?
Petersen: Dafür schaffen die Krankenhäuser neue Strukturen mit eigenständigen Notaufnahmen. Die sind zunehmend mit Ärzten besetzt, die sich auf diese anspruchsvolle Aufgabe spezialisieren wollen. Daher fordert die DGINA auch den Facharzt für die Notfallmedizin.
Zur optimalen Behandlung gehören auch die deeskalierenden Kompetenzen der Notfallmediziner.
Petersen: Ja, die sind wichtig. Nach einer Studie schätzt der Patient seine Verletzung oder Erkrankung immer eine Stufe schlimmer ein als der Arzt. Dadurch entstehen Konflikte.
Die langen Wartezeiten bergen vermutlich auch Konfliktpotenzial. Wie wirken Sie dem entgegen?
Petersen: Seit Mai haben wir zum Beispiel einen Informationsbildschirm für Patienten, der anzeigt, welche Behandlungen gerade ablaufen, wie schwer die anderen Menschen verletzt oder erkrankt sind. So ist er besser informiert und bleibt ruhiger.
Der Kongress im Klinikum und die DGINA
Jährlich werden etwa 16 Millionen Menschen als Notfallpatienten in deutschen Krankenhäusern behandelt. Die meisten Kliniken verfügen über eigene Notaufnahmen.
Dabei setzt sich immer stärker das Prinzip der Zentralisierung in einer zentralen interdisziplinären Notaufnahme gegenüber mehreren dezentralen Notambulanzen durch. Häufig werden 40 bis 50 Prozent aller Patienten über die Notaufnahme ins Krankenhaus aufgenommen.
Die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallaufnahme e.V. (DGINA) ist ein Zusammenschluss der in deutschen Notfallaufnahmen tätigen Ärzte und Pflegefachkräfte. Sie wurde 2005 gegründet und hat inzwischen rund 400 Mitglieder. Bei dem dreitägigen Kongress gibt es ein breites Angebot an Vorträgen zu Themen aus der Notfallmedizin.
Heute werden auch Christopher Nadolny ("Behandlung wider Willen", 12:05 Uhr) und Martin von der Heyden ("27 auf einen Streich - das ABC der Katastrophe im Krankenhaus", 12:20 Uhr) referieren.
Aachener Zeitung, Stadt, Region Rhein-Maas, 24. September 2010, von Sarah Sillius